Allein im Kosmos der großen Kunst

17/11/2009

“Ich verstehe es nicht!” Das mir dieser Satz häufig im Kopf herumschwirrte ist noch gar nicht so lange her. Bei dem Besuch klassischer Konzerte war ich oft ziemlich davon genervt, wie schlecht die Menschheit, respektive das Publikum, ihren Körper im Griff hat. Ständiges husten, niesen oder Nase schnäuzen (besonders beliebt an den ganz leisen Stellen). Und dann noch die explosionsartigen Hustenanfälle zwischen einzelnen Sätzen eines großen Werkes. Als ob die Leute eigentlich nur darauf warten würden, dass ein Satz endlich zu Ende ist. Ich fühlte mich alleingelassen im Kosmos der großen Kunst (Ihr tretet nicht nur meine Gefühle mit Füßen, sondern greift auch unerlaubterweise in dieses musikalische Meisterwerk ein. Hätte der Komponist an dieser Stelle gewollt, dass wer hustet, hätte er es vielleicht eingetragen!).

Einziger Lichtblick in diesem von Kunstbanausen besetzten Auditorium waren ältere Damen und Herren, die bei dem kleinsten Geräusch bösartige Blicke durch die Gegend warfen. Aber hat es was genutzt? Natürlich nicht. Eine gute Lösung für das Problem habe ich allerdings auch nicht gesehen. Hätte ich jemanden darauf aufmerksam gemacht, wäre die prompte Antwort gewesen:” Dann bleib doch zu Hause und leg ne CD ein!”

Also habe ich versucht, alle Geräusche zu ignorieren. Der Raum in meinem Kopf sollte schliesslich nur der Musik gehören – bis letzten Freitag! Ich war im Konzert des Konzerthausorchesters im Konzerthaus Berlin. Hauptwerk des Abends war die erste Sinfonie von Gustav Mahler. Wie ich da nun so sitze und vollkommen in der Musik versunken bin, geht es auch schon wieder los: Ein Huster – ein böser Blick. Ein winziger Nieser – ein noch böserer Blick. Ein winziger Nieser und ein böser Blick? Was um alles in der Welt stört diesen Menschen an einem winzigen Nieser? Ich wundere mich über mich selbst. Es ist doch bloß ein winziger Nieser. Ganz menschlich. Ist jedem schon passiert. Warum soll man das eigentlich nicht in einem Konzert dürfen? Weil das den Komponisten beleidigt? Oder die ausführenden Musiker? Weil andere Zuhörer sich gestört fühlen?

Geniest wurde wahrschinlich bevor es Musik gab. Komponisten früherer Epochen waren sich darüber sicher im Klaren, genau wie unsere Zeitgenossen. Gestört hat es anscheinend keinen von Ihnen (gut, ist von mir so dahingestellt. Ich weiß es natürlich nicht. Aber beweis mir einer erstmal das Gegenteil) Im Leben wird nun einmal geniest, geschnäuzt oder gehustet. Mein Ärger schwappte von mir, gegen mich und meine ehemaligen Mitstreiter. Unsere Arroganz war mir zuwider. Niemand dieser Menschen macht all diese Geräusche mit Absicht. Alle wollen das Konzert, die Musik genießen. Darum husten ja so viele Menschen zwischen den Sätzen, dachte ich mir. Die warten auf die Pausen, WEIL sie die Musik nicht stören wollen.

Ich bin froh, dass mir diese Erkenntnis noch rechtzeitig gekommen ist, da ich hoffe, noch einige Jahrzehnte auf diesem Planeten zu verweilen. Der Besuch von Konzerten soll ein wichtiger Bestandteil dieses Lebens sein. Und zwar nicht als Kopfschüttler.

Wenn ich jetzt in Konzerte gehe, sitze ich bestimmt selber da und denke:” Diese verdammte Kopfschüttelei. Bleibt doch zu Hause, und  legt ne CD ein!”

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